12.09.2020

„Mit einem Lächeln durch jede Krise“ – Ein Por­t­rait aus dem go-Magazin über Georg Jahn

Georg Jahn hatte nichts zu verlieren. Seine Schreinerei stand so oder so vor dem Aus. Also nahm er all seinen Mut zusammen und setzte sich während der Einweihungsfeier eines Rasthofs an den Tisch des Geschäftsführers eines millionenschweren Großkonzerns. Jahn hatte als Subunternehmer bei der Fertigstellung des Rasthofes mitgewirkt und hoffte auf weitere Aufträge. »Aber er wollte nicht reden. Er hat mich abgewimmelt«, erzählt Jahn. Lange hatte er auf so eine Chance gewartet und nun konnte er sie nicht nutzen. Aufgeben war dennoch keine Option.

Seit vier Jahren kämpfte Jahn bereits gegen die Insolvenz der Firma, die er als Ein-Mann-Unternehmen von seinem Vater übernommen und aufgebaut hatte. Inzwischen beschäftigte er fast 40 Mitarbeiter. Doch die Geschäfte als Subuntehmer liefen schlecht. Irgendwann konnte er es sich nicht einmal mehr leisten, seine Mitarbeiter mit dem notwendigen Werkzeug auszustatten. »Wir hatten kein Geld für Akkuschrauber. Also mussten sich immer zwei einen teilen oder Schraubenzieher benutzen.«

Immer wieder lacht Jahn laut und schallend auf, während er seine Geschichte erzählt. Dabei war die Situation äußerst ernst. Der Überziehungskredit in Höhe von 250.000 Euro war ausgereizt. Seinen Mitarbeitern konnte er ihr Gehalt zwar zahlen, sein eigenes aber nicht. »40 Stunden arbeiten und nichts heimbringen – ein halbes Jahr ist das vielleicht okay, aber vier Jahre? Da braucht man eine Frau, die das trägt.« Und die hatte er. Als Lehrerin ernährte sie die Familie.

Widerstand in der DDR

Aber Georg Jahn gibt nicht so einfach auf. Das bewies er bereits mit 16, als er bei einer Veranstaltung zum christlichen Glauben fand. In der DDR war das keine Kleinigkeit. »Ich bekam Riesenprobleme. Die Lehrer fanden meinen Lebenswandel total lächerlich. Der Besuch der Oberschule wurde mir verwehrt. Und als ich mein Abitur im zweiten Bildungsweg mit einer Superleistung nachholte, durfte ich trotzdem nicht studieren.« Von seiner Entscheidung, als Christ zu leben, konnte ihn das nicht abbringen. Im Gegenteil.

Als in Dresden und Leipzig die ersten Friedensgebete stattfanden, organisierte Jahn ähnliche Veranstaltungen in seiner Heimatstadt Bad Blankenburg, später auch Montagsdemos. »Beim ersten Mal war ich ziemlich aufgeregt. Ich war doch nur ein kleiner Tischler, hatte nie vor vielen Leuten gesprochen. Darum bin ich auf einen Berg gefahren und habe dort eine Stunde um Kraft gebetet«, erinnert sich Jahn. »Dann kamen 300 Leute und mit jedem Friedensgebet wurden es mehr. Am Ende waren es 3.000 und wir mussten draußen Lautsprecher aufbauen.«

Spätestens seit dieser Zeit standen Georg Jahn und seine Familie unter ständiger Beobachtung der Stasi. Druck wurde aufgebaut. Jahn sollte verschwinden. Doch er gab nicht auf. Auch nicht, als die Türklingel nachts Sturm geläutet wurde und Steine gegen die Fenster flogen.

Das Gebet des Jabez

Sein Glaube begleitete ihn fortan, half ihm, auch in schweren Zeiten Biss zu zeigen. »Mein Ziel ist das Leben nach dem Tod. Deswegen kann mich nicht viel erschüttern.« Jeden Tag begann Georg Jahn nun mit einem kurzen Gebet, in dem er Jesus um Wegweisung für sein Leben bat. Und auch, als seine berufliche Existenz zu scheitern drohte, setzte er auf das Gebet. »Ein Jahr lang habe ich das Gebet des Jabez gebetet.« Jabez ist eine Figur aus dem Alten Testament. Er spielt eigentlich keine große Rolle. Nur zwei Verse berichten von ihm. Doch ein kurzes Gebet ist von ihm überliefert. Darin bittet er Gott um seinen Segen und darum, sein Gebiet zu erweitern. Mit anderen Worten: Es ist ein Gebet um Erfolg. Doch das ganze Jahr über veränderte sich nichts an Jahns Situation – bis zu der Einweihungsfeier der Raststätte.

Nur etwa eine halbe Stunde, nachdem Georg Jahn auf der Einweihungsfeier der Raststätte eine Abfuhr erhalten hatte, traf er den Geschäftsführer des großen Unternehmens auf dem Gang wieder. Der war immer noch abweisend. Aber irgendwie kamen sie dann doch ins Gespräch. Und der Geschäftsführer erfuhr von Jahns DDR-Vergangenheit. Ihm imponierte das, war er doch selbst nur wenige Orte von Bad Blankenburg entfernt aufgewachsen, hatte ebenso unter Repressionen durch den Staat gelitten und war noch vor der Wende von der BRD freigekauft und nach Westdeutschland gebracht worden. Plötzlich verstanden sich die beiden, Jahn bekam einen Direktauftrag über 6,5 Millionen Euro. Ein Siebenmeilenschritt, lag doch der gesamte Jahresumsatz der Tischlerei bis zu diesem Zeitpunkt bei nicht einmal zwei Millionen Euro. Die Zeit als Subunternehmer war damit beendet.

»Es war eine schwere Zeit«, resümiert Georg Jahn. »Aber im Nachhinein war es gut so. Die letzten zehn Jahre ging es uns sehr, sehr gut. Aber durch die Erfahrung, am Rande der Insolvenz zu stehen, werde ich immer auf dem Boden bleiben.«

Von Erfolg zu Erfolg

Von diesem Moment an ging es bergauf. Der Überziehungskredit war innerhalb kurzer Zeit abbezahlt. »Endlich konnte ich meinen Mitarbeitern wieder Akkuschrauber kaufen.« Jahn lacht laut. Auch die finanzielle Situation der Familie verbesserte sich. Zu dieser Zeit stieg auch Sohn Tobias ein, frisch von der Uni, mit einem Wirtschaftsstudium in der Tasche. Gemeinsam entwickelten sie die Firma weiter, erweiterten das Betriebsgelände, bauten neue Produktionshallen.

Während der Sohn in kaufmännischen und innerbetrieblichen Fragen die Führung übernahm, tourte Georg Jahn unermüdlich durch Deutschland, legte wöchentlich bis zu 5.000 Kilometer zurück, überzeugte weitere Auftraggeber. »Wir stiegen ins Generalunternehmer-Geschäft ein«, erzählt er. Das heißt, der ehemalige Subunternehmer übernahm den Bau ganzer Gebäude und beauftragte selbst Subunternehmer mit einzelnen Gewerken. »Dass das geklappt hat, ist eigentlich menschlich unmöglich.« Jahn schüttelt den Kopf. »Wir hatten ja keine Ahnung vom GU-Geschäft. Wir hatten keinen Bauleiter, nichts.« Und dennoch stach die Tischlerei Jahn mehrere Konkurrenten aus. »Menschlich unmöglich«, wiederholt er leise.

Heute beschäftigt die Jahn GmbH fast 100 Mitarbeiter, von denen einige schon zu Krisenzeiten im Unternehmen waren. Sanifair, Total Deutschland, Starbucks und andere namhafte Unternehmen zählen zu den Kunden, für die das Unternehmen in ganz Europa Gebäude errichtet oder die Einrichtung und Innenausstattung übernimmt.

Politik, Sport, Ehrenamt

Allerdings ist Erfolg nichts Unbekanntes für Georg Jahn. Nach der Wende war er politisch umgarnt. »Leute wie mich haben sie ja gesucht. Ich war bei keiner Blockpartei Mitglied, bin verfolgt worden, hatte nie etwas mit dem Kommunismus am Hut.« Jahn standen alle Türen offen. Doch seine Heimat war ihm wichtiger. Und so entschied er sich, in seiner Tischlerei in Bad Blankenburg zu bleiben und engagierte sich vor Ort in der CDU. Er schaffte es zum stellvertretenden Bürgermeister. »Bei einer Wahl hatte ich allein mehr Stimmen, als die gesamte SPD.« Und wieder lacht er laut und herzlich. Als er nach 20 Jahren mit der Politik aufhörte, verlor seine Partei fast 20 Prozentpunkte.

Auch als Kreishandwerksmeister engagierte er sich, genau wie im Sport. Den örtlichen Handballverein HSV Bad Blankenburg führte er als Präsident von der untersten Spielklasse in die dritte Handballliga. »Ich will als Christ Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen«, sagt Georg Jahn. Für ihn ist es wichtig, seinen Glauben auch nach außen zu präsentieren. »Ich trete für ein ganzheitliches Christsein ein. Von Montag bis Sonntag. Wo mich Jesus hinstellt, dort will ich tun, was er vorgelebt hat. Auch wenn mir das an vielen Stellen nicht immer gut gelingt.«

Geplatzter Reifen bei Tempo 260

Und dann kam der Moment, in dem alles mit einem Schlag hätte vorbei sein müssen. Georg Jahn war wieder einmal unterwegs gewesen, erst Samstagnacht war er auf dem Heimweg. Mit 260 Sachen raste er über die Autobahn, als ein Reifen platzte. Der Wagen hob ab, flog 80 Meter durch die Luft, überquerte dabei einen zwei Meter hohen Wildschutzzaun. Jahn kann sich an nichts erinnern. Es hätte das Ende sein müssen. Eigentlich hätte er dort in seinem Auto verbluten müssen.

Doch Sekunden vor seinem Unfall hatte er auf der ansonsten leergefegten Autobahn eine Frau überholt, die mitbekam, wie sein Wagen durch die Luft flog. Sie setzte einen Notruf ab, Jahn wurde gerettet. Aber selbst im Krankenhaus war die Todesgefahr noch nicht gebannt. Hätte seine Tochter, die Ärztin ist, nicht auf einen Abstrich bestanden, wäre er womöglich an einer Wundinfektion gestorben.

Die Zeit im Krankenhaus und die Behandlung waren hart. »Die schlimmsten Schmerzen meines Lebens«, erinnert sich Jahn. Letztlich war das alles für ihn aber nur ein Unfall mit glücklichem Ausgang. Keine Lebenswende, kein einschneidendes Nahtoderlebnis. »Wer Angst vor dem Tod hat, ändert durch so etwas vielleicht sein Leben. Aber ich habe keine Angst. Und dankbar war ich vorher auch schon.« So arbeitet er weiter, ist viel unterwegs, fährt Auto. »Sogar mit 260. Oft. Und gern.« Wieder dieses kräftige, laute Lachen. »Dass ich das überlebt habe, ist menschlich gesehen unmöglich. Jesus wollte, dass ich noch ein paar Jahre weiterlebe.«

Warum? Das weiß er nicht. Er fragt auch nicht danach. Aber im Krankenzimmer, da lag ein älterer Herr neben ihm. 78 Jahre. »Dem ging es richtig dreckig. Kein Pastor der Welt hätte ihm gut zureden können. Aber mir, dem es genauso beschissen ging, und der trotzdem was von Freude erzählte, dem hat er zugehört.« Der Mann kam kurz vor seinem Tod noch zum Glauben. »Wenn es nur um diesen einen Menschen ging, hat sich all der Schmerz gelohnt«, sagt Georg Jahn und lacht.

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